Soziale Stadtimkerei: Warum sich Bienen in Mainz wohlfühlen

Eine Person hält eine Bienenwabe in der Hand, auf der Bienen krabbeln.

Bei der Sozialen Stadtimkerei in Mainz kümmern sich Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam um Bienenvölker. Das inklusive Projekt zeigt, wie Artenschutz und Umweltbildung in der Stadt gelingen können.

Eine Reportage von Paul Jonas Grunze

Vorsichtig zieht Tristus Eller eine Wabe aus einem der fünf hölzernen Bienenstöcke. In einigen der sechseckigen Zellen glänzt der frische, goldene Nektar, andere sind bereits mit weißem Wachs verschlossen. Auf der Wabe, die Eller mit bloßen Händen hält, sitzen Hunderte Bienen. Für den Mitarbeiter der Sozialen Stadtimkerei in Mainz ist das Routine. Er arbeitet ohne Schutzkleidung. Die neugierigen Besucherinnen und Besucher dagegen tragen typische weiße Imkerhüte und halten sicheren Abstand.

Die Führung zu den Bienenstöcken findet während der zweiten Mainzer „Woche der Artenvielfalt“ statt. Verschiedene Initiativen, Vereine und Bildungseinrichtungen veranstalten in diesem Rahmen Workshops, Führungen und Exkursionen, um die Menschen für die biologische Vielfalt der heimischen Flora und Fauna zu begeistern und zu sensibilisieren.

Imkerjacken und Imkerhüte sollen die neugierigen Besucherinnen und Besucher vor Stichen bewahren. Foto: Paul Jonas Grunze

Die Bienenstöcke der Sozialen Stadtimkerei stehen verborgen hinter einem Metallzaun mit einer dunkelgrünen Plane in der hintersten Ecke eines Parkplatzes in Mainz-Mombach. Hinter der Alten Lokhalle, zwischen der Mombacher Straße und vielbefahrenen Eisenbahngleisen, erinnert kaum etwas an einen Ort, an dem sich Bienen wohlfühlen könnten. Doch das laute Summen der Bienen scheint zu beweisen, dass es ihnen hier gefällt. Der Standort ist ideal, bestätigt auch Eva Böckel: „Die Tiere werden hier nicht gestört und sind vor Dieben geschützt“.

Böckel hat die Soziale Stadtimkerei 2017 mitgegründet und leitet sie bis heute. Das Projekt ist Teil der Gesellschaft für psychosoziale Einrichtungen (gpe). Menschen mit und ohne Behinderungen kommen hier jede Woche zusammen, kümmern sich um die Bienenvölker und verarbeiten den geernteten Honig. Im „Honigclub“, wie sie sich liebevoll nennen, sagt Eva Böckel, „stehen Handicaps nicht im Vordergrund“. Über 120 Menschen haben sich so bisher an dem Projekt beteiligt.


„Hier stehen Handicaps nicht im Vordergrund.

Eva Böckel – Leiterin der Sozialen Stadtimkerei Mainz


Der Sozialen Stadtimkerei geht es um mehr als Honig. Die Biene dient als Botschafterin für biologische Vielfalt und Artenschutz. Regelmäßig veranstalten sie hier Workshops für Schulklassen und Betriebe. Für ihr Engagement im Bereich Bildung für nachhaltige Entwicklung wurde das Projekt im April von der Deutschen UNESCO-Kommission und dem Bundesbildungsministerium ausgezeichnet.

Warum Städte Bienen gute Lebensbedingungen bieten

Der Eingang der Sozialen Stadtimkerei mit seiner grünen, hochgewachsenen Wiese voller Gänseblümchen und Löwenzahn ist eine kleine Insektenoase. Bienen und andere Insekten schwirren wild zwischen den Pflanzen umher. Treppauf im Gemeinschaftsraum begrüßt Eva Böckel die knapp 25 Besucherinnen und Besucher und erklärt das Projekt, das ihr sehr ans Herz gewachsen ist. Sie berichtet von den mehr als 20 Bienenvölkern der Stadtimkerei, die quer über Mainz angesiedelt sind. Die Bezeichnung des Honigs verrät seine Herkunft: „Dramaqueen“ stammt vom Dach des Kleinen Hauses des Staatstheaters. Andere Sorten heißen „Meenzer Mädsche“ oder „Rheinhessen Rapsody“.

Die Leiterin der Sozialen Stadtimkerei in Mainz, Eva Böckel, zeigt den Besucherinnen und Besuchern eine Bienenwabe.
Die Leiterin der Sozialen Stadtimkerei in Mainz, Eva Böckel, zeigt den Besucherinnen und Besuchern eine Bienenwabe. Foto: Paul Jonas Grunze

Dass sich Bienen in Städten oft wohler fühlen als auf manchen intensiv genutzten Agrarlandschaften, wie Eva Böckel erklärt, erstaunt viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Führung. Doch in Parks, Gärten und auf Balkonen finden Bienen heutzutage einen Großteil des Jahres vielfältige Blüten.

Klimawandel gefährdet die Bienen

In einem Raum mit vielen Eimern und Waschbecken, der an ein Labor erinnert, erklärt Jens Bucher die elektrische Honigschleuder aus Edelstahl, die die Initiative vor zwei Jahren beschafft habe. Vorher hätten die Ehrenamtlichen jedes Jahr über eine Tonne Honig per Hand geschleudert.

Der 50-Jährige pflegte früher selbst sehr aktiv Bienenvölker. Doch inzwischen ist er allergisch auf Bienengift und kümmert sich um die Finanzierung des Projekts. Angesprochen auf die Qualität von industriell hergestelltem Honig kritisiert Bucher: „Oft ist heutzutage nicht klar, woher der Honig aus dem Supermarkt genau kommt. Meist ist er stark verarbeitet und mit Sirup gestreckt“. Honig sei außerdem eines der weltweit am häufigsten gefälschten Lebensmittel. Die Soziale Stadtimkerei versucht mit ihrem regionalen Honig zu überzeugen – auch mit daraus hergestellten Kerzen und Honig-Tee.

Bienenwabe im Honigraum: Probieren ist hier ausdrücklich erlaubt. Foto: Paul Jonas Grunze

Doch nicht nur wirtschaftlicher Druck durch die Industrie macht den ehrenamtlichen Imkerinnen und Imkern zu schaffen. Die aus Asien eingeschleppte Varroa-Milbe etwa nistet sich in den Bienenstöcken ein und lässt die Flügel der Honigsammler verkümmern. Die asiatische Hornisse schwirrt vor den Fluglöchern der Bienenstöcke und fängt dort heimkehrende Bienen ab. Wildbienen sind besonders stark vom Klimawandel betroffen: „Pflanzen blühen früher oder verschwinden ganz und heiße Sommer verringern das Nahrungsangebot“, erklärt Eva Böckel vor den Bienenstöcken. Bienen seien eher weniger anpassungsfähige Insekten.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Sozialen Stadtimkerei lassen sich davon aber nicht unterkriegen, sagt Jens Bucher: „Durch die Arbeit mit den Bienen gehe ich sensibler mit der Natur um und beobachte genau, wie sich das Wetter und die Pflanzen entwickeln.“ Seine Kollegin Eva Böckel schwärmt: „Bienen sind unheimlich interessante Tiere. Sie verhalten sich sehr sozial und sind sehr intelligent.“

Wie die Soziale Stadtimkerei den Blick auf die Natur verändert

Viele Besucherinnen und Besucher setzen sich bei der Führung zum ersten Mal intensiver mit Bienen auseinander. Tsanan Heimann hingegen sucht hier den Austausch mit anderen Hobby-Imkerinnen und -Imkern. Sie halte vier Bienenvölker und investiere dafür rund drei Stunden pro Woche. Diese Zeit nehme sie gerne in Kauf: „Seit ich meine eigenen Bienen habe, beobachte ich die Natur viel aufmerksamer“, berichtet Heimann glücklich.

Blick in ein Regal mit Kerzen aus Bienenwachs
In der Sozialen Stadtimkerei gibt es neben Honig auch andere Produkte aus Bienenwachs zu kaufen – zum Beispiel Kerzen. Foto: Paul Jonas Grunze

Auch Lukas Gail und Josie Dres nehmen viele neue Eindrücke mit. „Ich bin sehr überrascht, wie viel Aufwand hinter der Imkerei steckt. Ich dachte, das wäre einfacher“, sagt Josie Dres. Und Lukas Gail fügt hinzu: „Ich habe heute viel gelernt und bin beeindruckt, dass ein Bienenvolk pro Jahr 25 bis 30 Kilo Honig produziert.“ Zum Ende der Führung schauen sich viele Besucherinnen und Besucher in dem kleinen Shop der Sozialen Stadtimkerei um. Während sie langsam ihren Heimweg antreten, fliegen die Bienen noch immer unbeirrt um die Blüten vor dem Eingang. Gerade dieser Ort zeigt, worum es beim Artenschutz geht: Er beginnt nicht fernab der Stadt, sondern mitten im Alltag.

Mehr Informationen zur Sozialen Stadtimkerei finden Sie unter www.soziale-stadtimkerei.gpe-mainz.de.

So fühlen sich sich Bienen im Garten und auf dem Balkon wohl

  • heimische Blühpflanzen setzen (z. B. Salbei, Thymian, Lavendel)
  • Pflanzen mit unterschiedlichen Blütezeiten anbieten
  • auf Pestizide verzichten
  • Nistmöglichkeiten schaffen (z. B. Insektenhotel, Totholz)
  • bewusst ungepflegte Bereiche lassen (z. B. verblühte Stauden)

Quelle: BUND, NABU