CSD in Sachsen: Deutsch-Polnische Demo in Görlitz und Zgorzelec

Wojciech M. Urlich (l.) und Patrick Thomas haben großes vor. Foto: Franziska Stangl.

Der Christopher Street Day (CSD) in Görlitz und Zgorzelec soll 2026 so groß werden wie noch nie. Was die Organisatoren vorhaben und welche Schwierigkeiten es gibt.

Wojciech M. Urlich hat Großes vor. Das merkt man mit jeder Silbe, die der 47-Jährige über sein „Baby“ spricht. Sein Baby, das ist der Verein CSD Görlitz-Zgorzelec. Urlich sitzt am Rande einer Veranstaltung des Vereins in den Räumlichkeiten der Linken in Görlitz, er trägt eine schwarze Kappe und ein dunkelblaues Poloshirt. Auf beiden ist der Name des Vereins und ein Regenbogen zu sehen. Urlich ist der Vorsitzende des Vereins, der sich im Juni 2025 gegründet hat, um den CSD in Görlitz und der polnischen Nachbarstadt Zgorzelec zu organisieren. Inzwischen hat der Verein 13 Mitglieder.

Zum fünften Mal soll am 26. September 2026 der CSD in Görlitz stattfinden. Vor der Gründung des Vereins hat sich ein Bündnis aus verschiedenen Gruppierungen um die Organisation gekümmert. Seit dem ersten CSD im Jahr 2022 ist die Veranstaltung stetig gewachsen. Mittlerweile ist der CSD in Görlitz grenzüberschreitend – die Demo zieht sowohl durch Görlitz als auch durch Zgorzelec. 2025 waren knapp 1000 Menschen in beiden Städten auf den Straßen. Der CSD war damit eine der größten Versammlungen im Kreis Görlitz.

Linken-Chefin Schwerdtner als Rednerin

In diesem Jahr soll sie noch größer werden, wenn es nach den Veranstaltern geht. „Diese Stadt hat sowas noch nie erlebt“, kündigt Wojciech M. Urlich an. Für den CSD werden unter anderem mehrere Künstler nach Görlitz kommen, die schon beim Eurovision Song Contest (ESC) teilgenommen haben – zum Beispiel Anne-Marie David, die 1973 den ESC für Luxemburg gewonnen hat. Auch bekannte Rednerinnen wie die ehemalige WDR-Journalistin Georgine Kellermann oder Linken-Vorsitzende Ines Schwerdtner werden laut Urlich dabei sein. Dennoch soll der CSD kein reines Straßenfest sein, zu dem die Besucher nur wegen der Prominenz kommen. „Es geht ja um unsere Rechte. Wir demonstrieren für Menschenrechte und Vielfalt“, betont Patrick Thomas, stellvertretender Vorsitzender des CSD Görlitz-Zgorzelec e.V..

Der Verein erhofft sich für den CSD Aufmerksamkeit aus ganz Deutschland. Auch, um auf die große Gefährdung queerer Menschen in Sachsen aufmerksam zu machen. „Das Problem ist, dass in Westdeutschland diese Bedrohung durch die Neonazis nicht wahrgenommen wird“, sagt Wojciech M. Urlich. Deutschlandweit steigt die Zahl der Straftaten gegenüber queeren Menschen seit Jahren deutlich. In Sachsen gab es im Jahr 2025 laut Polizei 169 queerfeindliche Delikte. Besonders sichtbar wird Queerfeindlichkeit bei den CSD-Veranstaltungen selbst. 2025 haben laut Polizei rund 130 Menschen aus dem rechtsextremen Spektrum in Görlitz gegen den CSD demonstriert. Im Jahr zuvor waren rund 460 Menschen Teil der Gegendemo. 

Kein CSD in Bautzen

Beim CSD im knapp 50 Kilometer von Görlitz entfernten Bautzen waren es letztes Jahr rund 450 Gegendemonstranten, 2024 sogar rund 700. In diesem Jahr wird es in Bautzen keine große Demonstration geben. Den CSD in Görlitz und Zgorzelec wolle man aber mit einer Delegation aus Bautzen unterstützen, sagt ein Sprecher des CSD Bautzen auf Nachfrage. Patrick Thomas vom CSD Görlitz-Zgorzelec rechnet deshalb damit, dass in diesem Jahr noch mehr Menschen nach Görlitz kommen werden.

Dass viele in Görlitz und Umgebung eine negative Einstellung gegenüber der queeren Gemeinschaft haben, merken Wojciech M. Urlich und Patrick Thomas auch in ihrer täglichen Arbeit. „Es fällt uns keiner um den Hals, weil wir hier einen queeren Verein gegründet haben“, sagt Thomas. Schwierig sei daher auch die Suche nach Unterstützern: „Einige sagen: Ich finde gut, was ihr macht. Aber ich möchte gerne meine Kunden behalten und meine Schaufenster sollen ganz bleiben“. Manche Unternehmen spenden deswegen lieber anonym oder wollen den Verein gar nicht unterstützen.

Deutsche und polnische Polizei ist involviert

Auch deshalb wird die Planung der Sicherheit für den CSD im September besonders aufwendig. „Es ist gigantisch“, sagt Wojciech M. Urlich. Da die Demonstration durch zwei Länder zieht, seien sowohl die deutsche, als auch die polnische Polizei involviert. Bis zur Grenze werde man zunächst von deutschen Polizisten begleitet, erklärt Wojciech M. Urlich. Dann geht es über die Altstadtbrücke rüber auf die polnische Seite. Dort wartet die polnische Polizei, um die Demo entlang der Neiße bis zur Stadtbrücke zu begleiten, bevor der Zug zurück nach Deutschland zieht. 

Unterstützt wird der CSD Görlitz-Zgorzelec auch von Mitgliedern der SchwuLesbischen Initative (Schwubs). Sie ist neben dem CSD e.V. eine von drei queeren Initiativen in Görlitz. Jeden Donnerstag trifft sich die Gruppe in Görlitz zum Stammtisch in verschiedenen Restaurants. An einem Donnerstag im Juni sitzen sechs Männer vor einer Pizzeria in der Nähe des Görlitzer Bahnhofs. Einer von ihnen ist Falko Metjen. Der 30-Jährige war in den letzten Jahren auch an der Organisation des CSD beteiligt. Anfeindungen wegen seiner Sexualität habe er in Görlitz bislang nicht erlebt. Bald ziehe er mit seinem Partner in ein neues Haus ein. „Mal schauen, was die Nachbarn dazu sagen“, sagt er. 

Zusätzlich zur Veranstaltung des CSD hat sich der CSD Görlitz-Zgorzelec viele Ziele gesetzt, um queeres Leben in beiden Städten sichtbarer zu machen. „Es gibt nicht mal eine queere Kneipe in Görlitz – noch nicht. Wir arbeiten dran“, sagt Wojciech M. Urlich. Zukünftig wolle man sich auch für mehr Aufklärung, etwa zum Thema HIV, einsetzen. Parallel zur Vorbereitung auf den eigenen CSD sind Urlich und Co. auch auf anderen CSD-Versammlungen unterwegs. Bei der gemeinsamen Veranstaltung der Städte Ulm und Neu-Ulm hat Wojciech M. Urlich als Schirmherr eine Rede gehalten. Rund 10.000 Teilnehmende waren laut Veranstalter in Ulm und Neu-Ulm im Juni dabei. Sie trugen dabei eine 122 Meter lange Regenbogenfahne durch die beiden Städte, von denen eine in Baden-Württemberg und eine in Bayern liegt. Dort war es also ein grenzüberschreitender CSD – fast wie in Görlitz und Zgorzelec.