In Zeiten von Hass und Hetze will die Coolinaria durch Genuss verbinden. Ein nobles Vorhaben, das vielleicht nicht für alle funktioniert. Von Amelie Rehm.
Die Sonne knallt auf den Steinboden, die schwüle Juni-Hitze hat sich über Görlitz gelegt, im Hintergrund dudelt Musik von Rudi Carrell. Der Postplatz liegt mitten in Görlitz, zentraler geht es kaum. Inmitten einer großen grünen Wiese thront die Figur der Muschelminna auf dem massiven, steinernen Brunnen. Um die Wiese herum ruhen die Bänke unbesetzt in der Sonne, dahinter blühen Blumen bunt in ihren Beeten. Auf den ersten Blick sieht das Gelände eher spärlich besucht aus. Aber wer näher herangeht, sieht schnell: Der Eindruck täuscht.
Die Coolinaria hat auch in ihrem verflixten siebten Jahr den ein oder anderen auf die Straße gelockt – nur eben auf die versteckten, schattigen Plätze, abseits des Brunnens und der Bänke. Bei 32 Grad reihen sich die Wein- und Essensstände aneinander. Die Coolinaria ist ein deutsch-polnisches Wein- und Genussfest. Winzer:innen aus beiden Ländern schenken ihre Kreationen aus, auch das Essen kommt aus verschiedenen Kulturen.
Gemeinschaft durch Genuss
Initiator Axel Krüger ist hauptberuflich Kommunikations- und Personalberater – und ein echter Genießer. Der 61-Jährige kam 1991 nach Görlitz und rief 2020 die Coolinaria ins Leben, mitten im ersten Sommer der Corona-Pandemie. Er meint, viele Menschen seien damals froh gewesen, „dass ein Verrückter sich traut, was Normales zu machen.“ Seine Motivation sei damals gewesen, mit Genuss die zerstrittene Gesellschaft etwas mehr zusammenzubringen. „Am Tisch und am Tresen, da verstehen sich Menschen.”
Seitdem beherbergt die Görlitzer Innenstadt einmal im Jahr die Coolinaria. Schirmherr dieses Jahr ist der Fernsehkoch Mario Kotaska. Er steht den Tag über hinter einem massiven Holzfass, auf dem ein großer Käse angerichtet ist, den er an die Leute verteilt.
„Am Tisch und am Tresen, da verstehen sich Menschen“
Axel Krüger, Initiator der Coolinaria
Wein trotz Hitze
Das Fest hat einen offenen Charakter, vielleicht auch wegen der zentralen Lage des Postplatzes. Es findet nicht abgegrenzt vom Leben drum herum statt, es fügt sich als ein Teil davon ein. Bei einigen Leuten ist im ersten Moment gar nicht ersichtlich, ob sie bewusst über die Coolinaria schlendern oder ob sie zufällig vorbeigekommen sind. Was aber allen zu schaffen macht, ist die Hitze.
Am Tag vor der Coolinaria wandte sich Axel Krüger mit einer ungewöhnlichen Bitte auf Facebook an die Besucher:innen: Wer kann, solle gerne Sonnenschirme mitbringen und zur Verfügung stellen.
Das scheint nicht so gut geklappt zu haben, von Schirmen ist wenig zu sehen. Nur ein paar der aufgestellten Bierbänke stehen geschützt im Schatten, hier tummeln sich die Leute. Die Bänke mitten in der Sonne sind komplett leer. Ein Gericht, das sich großer Beliebtheit erfreut, ist Okroschka, eine kalt zubereitete russische Suppe, die sowohl erfrischt als auch sättigt. In hellen Pappbechern steht sie auf einigen der vollgestellten Tische zwischen Flaschen und Gläsern.
Bubbles vermischen sich
Immer wieder trauen sich Menschen für ein Glas Wein in den Sonnenschein und retten sich dann ganz flott zurück in den Schatten.
Zwei von ihnen sind Eva und Steve, ein Paar Anfang 30, die sich mit ihren Weingläsern unter das Vordach der Post verziehen. Steve friemelt eine Flasche Mineralwasser aus seiner Tasche heraus und bietet sie Eva an. „Schorle?“, fragt er grinsend.
Die beiden wollen anschließend noch auf das Straßenfest in der Blumenstraße, gut 500 Meter vom Postplatz entfernt. Sie freuen sich, heute an beiden Orten mit vielen verschiedenen Menschen in Kontakt zu kommen.
Eva erklärt: „Auf der Coolinaria vermischen sich schon die Bubbles.” Steve nickt, fügt aber hinzu: „Es hat schon eine bestimmte Zielgruppe, es ist auch nicht für jeden was.” Unter den Besucher:innen sind alle Altersgruppen vertreten, auch viele Eltern mit Kindern kämpfen sich tapfer durch die Hitze. Auf den Wegen entsteht kein großes Gedränge, alle haben Platz, sich frei zu bewegen. Auf der Coolinaria stapeln sich nicht die Massen.
Eva und Steve denken: „Es zieht hier eher ein Klientel an, das gerne auch mal einen hochpreisigen Wein trinkt.”

Miteinander auf zwei Sprachen
Auch Axel Krüger weiß, dass vor allem ein bestimmter Teil der Görlitzer Bevölkerung von der Coolinaria angesprochen wird. Schlimm findet er das nicht. „Die einen lieben eben Autorennen oder Fußball, die anderen picknicken mit einem Glas Wein.”
Aber nicht nur Görlitzer:innen picknicken gerne mit Wein, von allen Seiten ist aufgeregtes Geplapper auf Deutsch und Polnisch zu hören. Auch Karin vom Stand „Lausitzer Lavendel“ erzählt lachend, dass sie sich heute schon zweisprachig verständigen musste. Sie ist mit ihrem Stand das erste Mal auf der Coolinaria. Für sie das Besondere: „Dass die Leute hier alle so ein gutes Miteinander haben“.
Überall unterhalten sich die Besucher:innen, lachen, quatschen, Gläser klirren beim Prosten aneinander. Zwei, die energisch miteinander anstoßen, sind Anni und Jette. Die beiden Frauen sind Anfang 50 und kennen sich schon lange über ihre Kinder. Da sie sich nicht häufig sehen, ist die Coolinaria für sie ein guter Anlass, wieder Zeit gemeinsam zu verbringen.
„Man trifft sich mit Leuten, man tauscht sich aus und das ist einfach schön!“, freut Anni sich.
Gute Zeit für alle
Menschen zusammenbringen, einen Austausch verbinden mit Genuss – so ähnlich hat auch Axel Krüger seine Motivation beschrieben. Für ihn ist die Coolinaria dann ein Erfolg, wenn alle eine gute Zeit haben und nett miteinander umgehen. „Wenn fröhliche Menschen durch die Stadt gehen, bin ich glücklich.”
Fröhliche Menschen gehen an diesem Tag auf jeden Fall durch die Stadt. Zwar eine insgesamt eher kleine Gruppe, aber fröhlich. Verbunden im Genuss.

„Wenn fröhliche Menschen durch die Stadt gehen, bin ich glücklich“
Axel Krüger