„Verunsicherung ist ein Scheinargument“: Woran die Wärmewende wirklich scheitert

Wolfgang Ruck begleitet Sanierungsprojekte bis zur Umsetzung. Foto: Domus Climate

Seit über dreißig Jahren berät Wolfgang Ruck bei energetischen Sanierungen. Seine Firma DOMUS climate sitzt im Mainzer Stadtteil Bretzenheim. Er weiß, warum die Wärmewende oft schon vor der Kellertür endet.

Herr Ruck, wir sprechen viel über die Wärmewende, doch in vielen Häusern kommt
sie nicht an. Sie stecken tief in der Materie. Spüren Sie eine Sanierungsmüdigkeit?


Ja. Es gibt zwar ein großes Verständnis für den Klimaschutz und Energieeinsparung, aber es scheitert oft an den finanziellen Möglichkeiten. Energetische Sanierungen sind extrem kostenintensiv. Das liegt auch oft an den unrealistisch hohen Anforderungen – von Fassadendicke, über Dachdämmungen bis hin zu dreifach isolier-verglasten Fenstern. Das mag rechnerisch noch begründbar sein, aber ob dieser maximale Aufwand immer nötig ist, um den CO2-Ausstoß effizient zu verringern? Manchmal wäre weniger mehr.

Diesen Aufwand will die Bundesregierung reduzieren. Ist das glaubwürdig?

Es könnte insofern glaubwürdig sein, als dass auch die Einsicht einkehrt, dass man Ansprüche zurückschrauben muss. Denn es ist ja nicht sinnvoll, den durchaus vorhandenen Sanierungswillen durch zu hohe Messlatten zu konterkarieren.

Oft heißt es, die Menschen seien verunsichert und investierten deshalb nicht. Ist das auch ein Grund für den Stillstand?

Verunsicherung halte ich für ein Scheinargument. Das Unwissen über Maßnahmen und
Förderungen ist zwar da, aber nicht entscheidend. Entscheidend sind die Kosten. Ver-
gleicht man den Aufwand mit den Einsparungspotenzialen, sind die Renditen meist überraschend gering. Wenn sich eine Sanierung finanziell nicht trägt, wird trotz gutem Willen nicht investiert. Das schlechte Gewissen wird dann unter dem Vorwand der Verunsicherung zu den Akten gelegt.

Von welchen Renditen sprechen wir?

Vergleicht man die Kosten der Sanierung mit den Einsparungspotenzialen bei der energetischen Bewirtschaftung, liegt die Rendite meist deutlich unter drei Prozent. Es kostet den Sanierungswilligen also zusätzliches Geld, das er entweder nicht bezahlen will oder kann.

Also ein Kampf zwischen ökologischen Zielen und finanziellen Möglichkeiten.

Richtig. So habe ich es zumindest in der Praxis erlebt.

Wenn man sich über Förderungen informieren will, landet man in einem Info-
Dschungel. Das macht es den Willigen nicht leicht.


Es wird zwar vieles gefördert, aber man durchschaut es als Laie kaum. Grundsätzlich gibt es zwei Arten der Förderung: Jene von Einzelmaßnahmen und die von Gesamtprojekten. Zweiteres wäre die Entwicklung hin zu einem sogenannten Effizienzhaus. Die Förderungen kommen dann auch noch von unterschiedlichen Stellen, was es noch komplizierter macht. Zudem fehlt eine soziale Komponente. Momentan bekommt fast jeder unabhängig vom Einkommen die gleiche Unterstützung. Dabei benötigt ein weniger vermögender Eigenheimbesitzer deutlich mehr Hilfe als ein wohlhabender. Nur bei der Wärmepumpe gibt es bisher einen Bonus, wenn das zu versteuernde Einkommen des Antragstellers eine gewisse Grenze nicht überschreitet.

Noch längst nicht in jedem Keller: Die Wärmepumpe. Foto: Pixabay

Die Bundesregierung setzt auf Freiwilligkeit statt auf den „Heizungshammer“, wie
ihn die BILD mal betitelte. Reicht das aus?


Nein. Dass jeder Hausbesitzer nun weiterhin „technologieoffen“ entscheiden darf, bringt in der Sache nichts. Es führt technisch kein Weg an der Wärmepumpe vorbei. Robert Habecks Ziele mit der Novelle des Gebäudeenergiegesetzes waren durchaus angemessen, wurden aber schlecht kommuniziert. Danach wurden die an sich guten Vorschläge pamphlethaft abqualifiziert. Er hat seinen Gegnern das Feld überlassen, ohne argumentativ dagegen anzugehen. Außerdem war das Gesetz nur ein Hämmerchen und kein wirklicher Hammer.

Nun ist der Gebäudebestand in Deutschland für etwa 30 Prozent der Treibhaus-
gasemissionen verantwortlich. Können wir Klimaneutralität bis 2045 unter den aktu-
ellen Bedingungen überhaupt erreichen?


Klimaneutralität ist zwar gesetzlich vorgeschrieben, auch auf EU-Ebene, aber Zahlen lügen nicht: So werden wir die Ziele weit verfehlen. Wir bräuchten eine Sanierungs-quote von über drei Prozent, aktuell liegen wir bei etwa 0,7. Und selbst, wenn die Kosten eine Vervierfachung dieser Quote zuließen: Wo sollen denn die qualifizierten Handwerker sein, die das umsetzen? Was die Politik postuliert, ist derzeit schlicht nicht umsetzbar.

Die Nebenkosten werden durch die CO2-Bepreisung weiter steigen. Dann könnten
Sanierungen doch zum Selbstläufer werden.


Zwar ist der Preis für CO2-Zertifikate bis 2027 noch in einem festen Rahmen, danach werden diese aber frei gehandelt und wahrscheinlich schnell teuer werden. Das wird sich natürlich auch in den Nebenkosten massiv niederschlagen, vor allem bei Öl und Gas. Je stärker die Energiekosten steigen, desto mehr muss man über Einsparungen – finanziell und energetisch – nachdenken.

Was braucht es also in naher Zukunft?

Erstens brauchen wir eine Erhöhung der Förderungen mit einer sozialen Komponente und
zweitens eine bessere Rendite für die Hausbesitzer, die das Sanieren finanziell lohnenswerter macht.

Besitzen Sie ein Eigenheim und denken über eine Wärmepumpe nach?

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