Für Masih Alinejad kann es mit dem Islamischen Regime keine Freiheit für iranische Frauen geben. Im Interview erklärt sie, warum Chameneis Tod ein Zeichen der Gerechtigkeit ist.
ZDFheute: Ali Chamenei ist tot – der Mann, der Ihren Mord angeordnet hatte. Fühlen Sie sich jetzt sicherer?
Masih Alinejad: Es ist ein Zeichen der Gerechtigkeit – nicht nur für mich, sondern für all die Opfer, die unter seiner Anordnung ermordet und massakriert wurden. Ja, er hat meine Tötung verordnet, als ich die Hijab-Pflicht mit der Berliner Mauer verglichen und die Iraner aufgefordert habe, diese Mauer einzureißen.
Jetzt ist er tot. Und viele andere hochrangige Mitglieder der Revolutionsgarden. Aber wir werden uns erst sicher fühlen, wenn das gesamte Regime nicht mehr existiert.

ZDFheute: Was erzählen Ihnen Familie und Aktivist*innen in Iran über die Situation vor Ort?
Alinejad: Iraner werden von gemischten Gefühlen überwältigt, von Schmerz und Hoffnung. Schmerz, weil das gesamte Land traumatisiert wird. Wir haben massive Ermordungen erlebt. Mehr als 32.000 Menschen wurden im Januar getötet.
Und Iraner sind besorgt: Sie wollen nicht, dass unschuldige Zivilisten zum Ziel von Angriffen von Israel und der USA werden.
Masih Alinejad, iranische Frauenrechtlerin und Aktivistin
Und sie sind besorgt, weil sie nicht allein mit einem geschwächten Regime zurückgelassen werden wollen.
Aber gleichzeitig auch Hoffnung, weil die Anführer der Islamischen Republik verschwinden. Endlich sehen Iraner, dass die Vereinigten Staaten mit starken Maßnahmen gegen die Führung im Iran vorgehen. Mütter schicken mir Videos, in denen sie tanzen und feiern – weil diejenigen getötet wurden, die für die Massaker verantwortlich waren. Sie haben Hoffnung, dass sie bald ein Ende des Regimes erleben werden.
ZDFheute: Wie hat sich die bereits schlimme Lage in Iran für Frauen seit dem Angriff verändert?
Alinejad: Frauen in Iran leiden seit vielen Jahren unter dem Regime der Islamischen Republik. Es behandelt Frauen wie Bürgerinnen zweiter Klasse, tötet sie wegen des Zeigens ihrer Haare oder steckt sie ins Gefängnis wegen „Frauen, Leben, Freiheit“-Ausrufen. Dort drohen ihnen Vergewaltigungen. Das ist ein Krieg, den die Islamische Republik gegen Frauen führt.
Unsere Körper wurden von diesem barbarischen Regime zu einem Schlachtfeld gemacht.
Masih Alinejad, iranische Frauenrechtlerin und Aktivistin
ZDFheute: Inwiefern könnte dieser Angriff von Israel und den USA den Iraner*innen tatsächlich Freiheit ermöglichen?
Alinejad: Keiner von uns Iranern hat um einen Krieg gebeten, wir wollten das nie. Das ist meine klare Botschaft: Nein zum Krieg.
Doch dieser Krieg wurde uns von der Islamischen Republik aufgezwungen.
Masih Alinejad, iranische Frauenrechtlerin und Aktivistin
Warum? Weil sie viele Chancen hatte, Verhandlungen mit den USA lagen mehrfach auf dem Tisch. Aber sie hat sich geweigert, ihre nuklearen Aktivitäten zu stoppen. Wir wollen nicht erleben, dass Ali Chamenei einfach durch einen anderen Chamenei ersetzt wird.
Wir wollen ein Ende der Islamischen Republik sehen. Und das können wir nicht allein schaffen, mit bloßen Händen und unbewaffnet. Das ist der „Berliner-Mauer-Moment“ für die Iraner.
ZDFheute: Laut Rechtsexpert*innen war der Angriff von Israel und den USA auf Iran völkerrechtswidrig. Was bedeutet das internationale Recht Ihrer Meinung nach noch?
Alinejad: Internationales Recht ist wichtig. Deshalb möchte ich alle Politiker fragen, die jetzt darüber sprechen: Wo waren sie, als ein Massaker in meinem geliebten Land Iran geschah? Als mehr als 32.000 Personen ermordet wurden?
Ja, wir müssen internationales Recht respektieren. Aber ich habe nie erlebt, dass gegen die vorgegangen wird, die in meinem Land Frauen vergewaltigen.
Das Völkerrecht ist wichtig, doch Doppelmoral und Heuchelei brechen Millionen von Iranern das Herz.
Masih Alinejad, iranische Frauenrechtlerin und Aktivistin
Wir haben Verurteilungen von Staatschefs gesehen – doch Verurteilungen retten keine Leben. Das Völkerrecht zum Schutz unbewaffneter Menschen rettet Leben.
Ein Interview von Annika Block und Ninve Ermagan.