Viele Hersteller bewerben Produkte aus Bio-Kunststoffen als besonders nachhaltig. Doch Katharina Landfester, Plastik-Forscherin an der Universität Mainz, warnt: In manchen Fällen schaden sie mehr, als sie nützen.
Mainz. Sie sollen besonders nachhaltig sein, sind es aber nicht immer: Bio-Kunststoffe. Viele Unternehmen werben für ihre Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen – von Wanderjacken über Fahrradhelme bis hin zu Smartphone-Hüllen. Doch es kommt auf die Details an, betonte die Chemikerin und Direktorin des Max-Planck-Instituts für Polymerforschung, Prof. Dr. Katharina Landfester, in einem Vortrag mit dem Titel „Plastik in Grün? Biokunststoffe zwischen Hype und Hoffnung“ am Montag an der Universität Mainz.
„Weltweit wird weniger als ein Prozent der Kunststoffe aus biologischen Rohstoffen hergestellt.“
Prof. Dr. Katharina Landfester
Die auch Polymere genannten chemischen Verbindungen verleihen Alltagsprodukten ihre spezifischen Eigenschaften. 414 Millionen Tonnen Kunststoff wurden im Jahr 2023 nach Angaben des Verbands der Kunststofferzeuger Plastics Europe weltweit hergestellt, meist aus Erdöl. Wissenschaftler experimentieren inzwischen auch mit Kunststoffen aus Zucker oder Maisstärke. Doch: „Weltweit wird weniger als ein Prozent der Kunststoffe aus biologischen Rohstoffen hergestellt“, so Landfester.
Herausforderung Recycling
Bio-Kunststoffe müssen teilweise aus erneuerbaren Rohstoffen bestehen oder kompostierbar sein – idealerweise sind sie beides. Biologisch abbaubare Polymere stammen nicht zwingend aus nachwachsenden Rohstoffen, während sich Kunststoffe aus nachhaltigen Rohstoffen nicht immer vollständig zersetzen. „Sie bauen sich nur langsam ab und zersetzen sich oft nicht vollständig“, warnte Prof. Dr. Katharina Landfester. Zudem seien sie ihren fossilen Verwandten nicht automatisch überlegen: Kunststoffe fossilen Ursprungs erzeugen zwar mehr CO2. Doch biobasierte Polymere übersäuern die Böden stärker und brauchen mehr Anbaufläche.
„Wir müssen abwägen, wann welche Plastikverpackungen sinnvoll sind.“
Prof. Dr. Katharina Landfester
Viele Plastiktüten für den Biomüll werden als aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt beworben, sind aber nicht industriell kompostierbar. In Mainz dürfen deshalb generell keine Kunststofftüten in der Biotonne entsorgt werden. Tassen aus Kaffeesatz und weiteren natürlichen Rohstoffen sind langlebig und unterstützen die lokale Wirtschaft, sind aber oft nicht recycelbar. Landfester rät deshalb: „Wir müssen abwägen, wann welche Plastikverpackungen sinnvoll sind.“
Bio-Kunststoffe in der Medizin
Ein positives Beispiel seien biobasierte Nanokapseln in der Medizin. Medikamente gelangen damit gezielt an ihren Wirkungsort. Der Wirkstoff sei durch die Plastikhülle geschützt und die Nanokapseln könnten vom Körper abgebaut werden. Letztlich ist es auch eine Frage der Nutzung: Konventionelle Kunststoffe können für langlebige Produkte sinnvoll sein, biologisch basierte Polymere für kurzlebige. Der Kunststoffpfad auf dem Mainzer Uni-Campus, sagt Prof. Dr. Landfester, bietet einen guten Überblick über die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten.
Bei der nächsten Vorlesung im Rahmen der Veranstaltungsreihe „VOICES FOR CLIMATE“ spricht der Journalist Ingwar Perowanowitsch am 15. Dezember über das Thema „Mobilität in Zeiten der Klimakrise“.
Die Vorlesungsreihe „VOICES FOR CLIMATE“ findet bis zum 9. Februar 2026, montags ab 18:15 Uhr, im Gebäude Recht und Wirtschaft, Hörsaal RW1, auf dem Campus der JGU statt (außer am 22. und 29. Dezember). Die Vorträge können auch live über den YouTube-Kanal von OKTV Mainz verfolgt werden.