Auch die Dippemess darf sich seit Kurzem als „Immaterielles Kulturerbe“ bezeichnen oder
zumindest fühlen. Die zuständige deutsche UNESCO-Kommission hat schließlich mit der
Aufnahme der Volksfest- und Schaustellerkultur in das einschlägige Verzeichnis auch das
größte Frankfurter Volksfest, das noch bis zum 19. April gefeiert wird, zumindest indirekt
geadelt. Grund genug für eine Spurensuche nach dem Kulturwert.
Mit dem Riesenrad geht es hoch hinaus, die Achterbahn schießt um enge Kurven, und vom
Break Dancer kann man sich richtig schön durchschütteln lassen. Nichts für schwache
Mägen, vor allem nach einem Meter Bratwurst und einem halben Liter Bier. Man fragt sich
unweigerlich, wie derlei Spektakel zum Kulturerbe werden konnte.
Die UNESCO definiert den Begriff „Immaterielles Kultererbe“ als „Bräuche, Traditionen,
Ausdrucksformen, Wissen und Fertigkeiten (…), die Gemeinschaften, Gruppen und
gegebenenfalls Einzelpersonen als Bestandteil ihres Kulturerbes ansehen“. Für die
Aufnahme hat sie einen umfassenden Kriterienkatalog erstellt, die meisten Vorschläge
werden nicht berücksichtigt.
Auf Spurensuche
Bei der Spurensuche auf dem Festplatz fallen am Eingang die mobilen Durchfahrtssperren
und die Polizeipräsenz auf. Zu kaufen gibt es nahezu alles. Von traditionellen Kirmessnacks
wie Popcorn oder Zuckerwatte (die in riesigen Eimern verkauft wird) über Tabak bis hin zu
billigem Schmuck und Lederwaren, schlechte Wortspiele inklusive.
So wirbt ein Brezelverkäufer mit dem Slogan „Wir brezeln dich auf“. Neben den typischen
Bratwürsten sind auch internationale Speisen zu finden. Gefühlt hecheln die Standbetreiber
jedem Trend hinterher. Muss wirklich überall Matcha drin sein? Und allerorten Süßigkeiten.
Es erfordert höchste Disziplin, ein Volksfest ohne Zuckerschock zu verlassen. Doch erst mal
genug der Crêpes und der Zuckerwatte; die Fahrgeschäfte warten. Die Geisterbahn wird
unbeschadet überstanden, das zweite Fahrgeschäft erzwingt wegen einsetzender Übelkeit
einen Abbruch der Testserie. Im Biergarten sitzend, werden die Anforderungen der UNESCO
überprüft.
Den Status als gesellschaftliches Fest kann man der Dippemess unzweifelhaft attestieren.
Auch eine „lebendige Praxis und Anwendung in der Vergangenheit, Gegenwart und der
(nahen) Zukunft“ ist festzustellen, schließlich existiert die Dippemess schon seit dem 14.
Jahrhundert und ist auch heute noch gut besucht. Die Schaustellerbetriebe sind zudem meist
schon seit Generationen in Familienhand.
Darüber hinaus ist die Veranstaltung bei aller Tradition auch wandlungsfähig. Angefangen als
mittelalterlicher Markt für Haushaltswaren, ist sie längst zur modernen Kirmes geworden.
Auch die Offenheit für verschiedene gesellschaftliche Gruppen ist gewährleistet, auf dem
Festgelände tummeln sich Menschen jeglicher Herkunft und Altersgruppen.
Die Kriterien für eine Aufnahme als Immaterielles Kulturerbe sind also erfüllt. Kultur entsteht
nicht im Museum, sondern dort, wo Menschen ihr Leben feiern. Volksfeste sind immer auch
ein Spiegel des Zeitgeistes. Sie sind gelebte Gemeinschaft, laut, manchmal kitschig, aber
zutiefst menschlich. Und wenn man ehrlich ist: Ein Riesenrad im Abendlicht kann mitunter
mehr Lebensfreude vermitteln als mancher Opernabend.