Die Soziale Stadtimkerei bringt Mainzer und Bienen zusammen

Jens Bucher von der Sozialen Stadtimkerei auf dem Dach des Kleinen Hauses des Staatstheaters Mainz.

Die Soziale Stadtimkerei Mainz hält Bienenvölker mitten in der City. Hinter dem Projekt steckt mehr als Imkerei – es vereint Bildung, Inklusion und sozialen Austausch. Von Nina Gross.

Mainz. Die vielleicht beste Aussicht auf den Mainzer Dom haben die Bienen. Und zwar die, die als tierische Untermieter des Staatstheaters in der Altstadt wohnen. Jens Bucher von der Sozialen Stadtimkerei Mainz steht mit weißem Imkerhut und Schutzjacke auf dem Dach des Kleinen Hauses am Tritonplatz und zieht vorsichtig einen Holzrahmen mit der typischen Wabenstruktur aus dem Bienenstock. Emsig krabbeln mehrere der Insekten darauf umher. Sie sind Teil eines von drei Bienenvölkern auf dem Flachdach des Theaters. Die Fluglöcher, die den Bienen als Ein- und Ausgang aus ihrem Bienenstock dienen, weisen in Blickrichtung zum nur wenige hundert Meter entfernten Dom.

Bucher, selbst ehemaliger Hobbyimker, ist für die Öffentlichkeitsarbeit der Sozialen Stadtimkerei zuständig. Hinter dem Projekt steckt mehr als nur die Haltung von Bienenvölkern mitten in der Stadt. Die Imkerei ist ein soziales Projekt in Trägerschaft der Gesellschaft für psychosoziale Einrichtungen (gpe). Zum Start 2017 habe es sich zunächst vor allem an Menschen gerichtet, die psychisch belastet seien, erklärt Bucher. Seine Räumlichkeiten neben der Alten Lokhalle im Stadtteil Hartenberg-Münchfeld teilt sich das Projekt mit einer Wachsmanufaktur, in der nicht mehr voll arbeitsfähige Menschen eine Beschäftigung finden und zum Beispiel Kerzen aus dem Wachs der Bienen herstellen.

„Das Projekt bringt Leute zusammen, die Lust auf Bienen haben. Der Austausch findet auf Augenhöhe statt.“

Jens Bucher, Soziale Stadtimkerei Mainz

Inklusives Bildungsangebot rund um Bienen

Aus dem Projekt ist heute, wie Bucher sagt, ein niedrigschwelliges und unkonventionelles Angebot zur Umweltbildung geworden, das die unterschiedlichsten Menschen anzieht. „Das Projekt bringt Leute zusammen, die Lust auf Bienen haben – ob Nachbar, Polizist im Schichtdienst, Student oder Rentner, Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen. Der Austausch findet auf Augenhöhe statt.“ Unter Leitung der gelernten Imkerin Eva Böckel finden Honigverkostungen, Workshops und Führungen statt. Nachgefragt werden sie zum Beispiel von Schulklassen, Seniorengruppen oder Unternehmen.

Mit dem für alle offenen „Honig-Club“ kommen jährlich ab Saisonstart Ende Februar einmal wöchentlich Bienen-Interessierte zusammen. „Wer dazustoßen möchte, sollte nicht nur Lust auf das Imkern, sondern auch auf den sozialen Austausch haben“, stellt Bucher klar. Das Team sei kein Ersatz für einen Imkerverein. Trotzdem übernehmen einzelne Teilnehmer auf Wunsch besondere Verantwortung: Sie pflegen selbstständig die insgesamt 20 über die Stadt verteilten Bienenvölker. Diese produzieren Honig, der in Gläsern abgefüllt und unter klingenden Namen wie „Meenzer Mädcher“ oder „Drama Queen“ meist von Juni bis Oktober in den Räumen der Stadtimkerei verkauft wird. Neben dem Bienen-Standort am Staatstheater finden sich weitere etwa an der Mewa-Arena von Mainz 05 oder im Energiepark in Mainz-Hechtsheim. Zwei Völker stehen in unmittelbarer Nähe zum Rhein, auf dem Dach des Hilton-Hotels.

Ingesamt drei Bienenvölker leben als tierische Untermieter auf dem Dach des Kleinen Hauses. (Foto: Nina Gross)

Soziales Miteinander steht im Fokus

Michaela, eine junge Frau, die vor knapp fünf Jahren zum Projekt kam, ist für sie zuständig. „In der Hochsaison muss ich jede Woche kontrollieren, ob die Bienen genügend Nektar und Pollen haben“, erklärt sie. Für sie ist es vorteilhaft, nicht an einen Imkerverein gebunden zu sein. Sie schätzt das soziale Miteinander. „Ich wollte etwas Neues lernen und bin sehr herzlich hier aufgenommen worden. Man kann bei allem mitmachen, muss sich aber nicht zu etwas verpflichtet fühlen.“ Es sei einfach ein tolles Projekt und erhaltenswert, findet sie.

Sebastian, der sich neben seinen eigenen vier Völkern zuhause um drei Bienenstöcke im Energiepark in Hechtsheim kümmert, stimmt ihr zu. Wer nun denkt, auf dem Land hätten es Bienen besser, den klärt der 41-Jährige auf: „In der Stadt finden sie stets genügend Futter, weil dort immer etwas blüht.“ Eine bienenfreundliche Bepflanzung auf dem Balkon etwa mit Lavendel helfe ihnen sehr. Auf dem Land hätten sie dagegen auf landwirtschaftlichen Flächen mit Monokulturen und dem Einsatz von Pestiziden zu kämpfen.

Projekt ist dringend auf Spenden angewiesen

Im kommenden Jahr wird die Soziale Stadtimkerei zehn Jahre alt – wenn sie bis dahin schafft. „Wir werden derzeit nicht mehr von einem großen Förderer finanziert und brauchen dringend Stiftungen und Spender von außerhalb, denn Veranstaltungen und Honigverkauf tragen die Kosten allein nicht“, äußert sich Bucher sorgenvoll. Wer unterstützen wolle, könne spenden, sagt Bucher. Für Unternehmen käme an Firmenstandorten eine Bienenpatenschaft infrage, die die Pflege und Versorgung der Völker durch das Team der Imkerei finanziert.