Der stärkste Gegner der Bundeswehr ist ihr Image. Junge Menschen organisieren sich gegen die Wehrpflicht und die Friedensbewegung rollt alte Banner aus. Und doch gibt es Freiwillige, die ihre Freizeit dem Staat opfern. Was treibt sie an?
„Ich gelobe!“ hallt es nachdrücklich über den matschigen Exerzierplatz. Junge Rekruten stehen um die Flagge der Bundesrepublik. Ihre Kameraden in Formation um sie herum. Es nieselt leicht auf die Zuschauer und Angehörigen hinter dem Flatterband. Die Bundeswehr muss gerade viele Krisen managen: Krieg in der Ukraine, Drohnen über Kasernen und Skandal in Zweibrücken. An der Heimatfront gibt es Diskussionen über und Demos gegen die Wehrpflicht. Und doch melden sich Menschen freiwillig, um im Heimatschutz zu dienen. Warum? Und was macht das mit ihnen? Bei einem Gelöbnis vor Schloss Loburg bei Ostbevern nahe Münster haben wir einen Oberstleutnant der Heimatschutzdivision gefragt.
Aus Sicherheitsgründen dürfen Bundeswehrangehörige nicht mit vollem Namen genannt werden. Deshalb heißt unser Interviewpartner für den Verlauf des Gesprächs Oberstleutnant B. Der vollständige Name ist der Redaktion bekannt.
Herr Oberst B…
Oberstleutnant bitte.
Herr Oberstleutnant B., was ist die Heimatschutzdivision?
Die Heimatschutzkräfte gibt es schon länger, wurden aber letztes Jahr als Heimatschutzdivision neu organisiert. Hier dienen auch Menschen, die vorher nichts mit der Bundeswehr zu tun hatten.
Aufgabe ist hauptsächlich die Unterstützung der restlichen Truppe. Zum Beispiel das Verteidigen von kritischer Infrastruktur, das Absichern von befreundeten Truppen, sollten diese im Verteidigungsfall durch Deutschland verlegen oder Unterstützung in Katastrophenlagen.
„Aufsitzen! Wir verlegen nach Münster“
Sie benutzen viel militärisches Vokabular. Hat Sie der Dienst verändert?
Ja, vor dem Grundwehrdienst war ich ein unbeschriebenes Blatt. Natürlich prägt einem die Erziehung aber die Zeit bei der Bundeswehr hat mich verändert. Die Entbehrung beim Biwak, dem Feldlager draußen ohne großen Schutz vor den Elementen hat mich auch in der Überzeugung für etwas Gutes zu kämpfen bestärkt. Da braucht es eine gewisse Härte gegen sich selbst. Das Training hat mich auch zu einem ruhigen Menschen gemacht.
Außerdem kann man viel mehr aus sich rausholen als man vorher denkt. Der Kopf bremst da mehr als man glaubt.
Spätestens seit dem Ukraine-Krieg wird immer mehr mit Drohnen gekämpft. Wie hat dies das Soldatsein verändert?
Der Krieg hat sich immer verändert. Von Kavallerie bis Panzer. Jetzt gibt es Drohnen, zu Land, zur See und natürlich in der Luft. Der Soldat ist gläsern geworden und man hat sich daran gewöhnt, dass die Bedrohung diffuser ist. Aber wie man wirklich im Krisenfall reagiert ist natürlich schwer zu sage – wichtig ist, dass man handlungsfähig bleibt.
Wie hat das Umfeld auf ihr Engagement reagiert?
Ich hatte ja schon Grundwehrdienst geleistet, daher hatte meine Familie schon einen ersten Eindruck, wie die Bundeswehr ist. Seit Aussetzung der Wehrpflicht ist dies aber nicht mehr die Regel und in vielen Familien gibt es niemanden mehr mit Bezug zum Militär. In der Öffentlichkeit gibt es einen Wandel. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine kommen Leute in der Bahn, ich darf als Soldat ja kostenlos Bahn fahren, auf mich zu, wenn ich Uniform trage und bedanken sich für meinen Dienst. Auch in der Bundeswehr hat die Wertschätzung für Reservisten zugenommen. Wenn es zum Krieg kommt, halten wir den Zeitsoldaten den Rücken frei.
Und im Job?
Nach dem Ingenieurstudium der Luft- und Raumfahrtechnik in Stuttgart und Nashville habe ich unter anderem bei einem Fraunhofer Institut gearbeitet. Dort gab es Unverständnis und zum Teil auch Ablehnung für mein Bundeswehrengagement.
Was sagt die Familie? Gab es Angst oder Kritik?
Ich bin ledig und kinderlos. Aber ich habe eine sechs Jahre jüngere Schwester. Ich bin also der große Bruder – da geht auch ein Beschützerinstinkt mit einher. Sorgen machte sich mein Großvater mütterlicherseits, der hatte noch im 2. Weltkrieg gedient, das war eine ganz andere Zeit und andere Streitkraft. Er hat von einigen Dingen offen und warnend erzählt aber war auch extrem verschlossen. Vor allem wenn es um den Tod und das Leid seiner Kameraden ging, wurde er still.
Meine Eltern stehen hinter meinem Dienst aber in der Generation ist die Angst vor einem Krieg auch nicht mehr so unmittelbar präsent.
Sich sozial engagieren kann man in vielen Bereichen. Warum gerade die Bundeswehr?
THW, Feuerwehr und anderes Engagement sehe ich als gleichwertig zur Bundeswehr. Aber Ich glaube bei der Bundeswehr passe ich charakterlich am besten rein.
Mein Vater war Lehrer für unter anderem Deutsch, Geschichte und Politik und in einer Lehrergewerkschaft. Mit 17 Jahren, kurz vor dem Abitur konnte ich ihn nach Nicaragua begleiten. Dort habe ich viel Elend gesehen wie zum Beispiel Straßenkinder, die in Restaurants nach Resten gesucht haben, aber auch einen starken Willen durchzuhalten. Menschen die sehr viel weniger als ich hatten, haben daraus unglaublich viel gemacht. Das hat mir eine neue Wertschätzung für alles, was wir in Deutschland haben, gegeben. Auch für die Freiheit, die wir hier genießen. Das finde ich, ist es wert zu verteidigen.
Die Bundeswehr hat zur Zeit wieder mit Skandalen wie dem in Zweibrücken zu kämpfen. Dort sollen Soldaten Hitlergrüße gezeigt und rechtes Gedankengut verbreitet haben.
Ich hatte als Vertreter des Kompaniechefs schon verschiedene Fälle, in denen ich gegen Soldaten ermitteln musste und auch Entlassungsanträge wegen Dienstpflichtverletzungen gestellt habe. Die Bundeswehr ist eine sehr große Organisation und es gibt leider immer wieder verschiedenes Fehlverhalten. Mit innerer Führung, also quasi Qualitätsmanagement für Verfassungstreue kann man dem natürlich auch ein Stück entgegenwirken.
Die freiheitlich-demokratische Grundordnung ist ein hohes Gut und es gibt Feinde im Inneren wie im Äußeren, die dagegen arbeiten. Die Verteidigung fängt schon im Friedensfall an.