Chemnitz: Die Kulturhauptstadt im Wandel

Chemnitz

Zu Chemnitz gehören Wandel und Transformation genauso zur Identität dazu, wie der überdimensionale Bronzekopf von Karl Marx. Über die Jahrhunderte erlebte die Stadt zahlreiche Veränderungen, die Stadtbild und die Menschen prägten. Über diese “Tales of Transformation” berichtet Felix Werner.

Mit dieser Identität beschäftigt sich das Industriemuseum Chemnitz in seiner Sonderausstellung „Tales of Transformation“ und gibt einen Einblick in die gravierenden Veränderungen der rund 220-jährigen Industriegeschichte der Stadt Chemnitz. Die begann aber genau genommen sehr viel früher. Zunächst erhielt das kleine Dorf 1143 das Marktrecht, 1357 verlieh der damalige Markgraf der Stadt das Bleichprivileg. Die Entscheidung hatte wegweisenden Charakter. Chemnitz entwickelte sich zu einer international bedeutenden Stadt für die Textilproduktion und im Textilhandel. Selbst osmanische Baumwollhändler aus dem südlichen Balkan hielten sich ab 1764 in der Stadt auf. Die Entwicklung zur Industriemetropole konnte beginnen.

Chemnitz und andere „europäische Manchester“

In der Ausstellung wird die Entwicklungsgeschichte genau solcher europäischer Industriezentren verglichen:  Łódź, Gabrovo, Mulhouse, Tampere und natürlich Manchester. Dass es sich bei den Städten mit Ausnahme des bulgarischen Gabrovos um Partnerstädte handelt, sei zufällig gewesen, erklärte Kuratorin Barbara Waske. Alle Städte der Ausstellung werden außerdem als Manchester ihres Landes bezeichnet.

Das Industriemuseum Chemnitz gibt Einblick in die rund 220-jährige Geschichte der Industrialisierung

Und das aus gutem Grund: Das Know-how aus der britischen Industriemetropole machten sich 1799 die Brüder Carl Friedrich und Ludwig Bernhard zunutze. Die beiden führten bereits seit einigen Jahren eine Textilhandlung in Manchester, bevor sie gemeinsam mit dem abgeworbenen Mechaniker Evan Evans im heutigen Stadtteil Harthau die erste maschinell betriebene Baumwollspinnerei der Region aufbauten – der Startschuss für die Industrialisierung in der Chemnitzer Region. Es folgt ein rasanter Bevölkerungsboom: Hatte Chemnitz 1837 nur knapp 20.000 Einwohner, waren es 1900 schon 200.000.  Eine schnelle Transformation im Stadtbild und die Verelendung der Arbeiterschaft waren die Folge.

Das Stadtbild im Wandel

Unter fünf Gesichtspunkten – Identität, Arbeitswelt, Unternehmertum, Natur und Innovation – werden die Transformationsprozesse beleuchtet, die Chemnitz und seine Partnerstädte geprägt haben. Die DDR-Zeit und die Wende hin zur Wiedervereinigung bilden für Chemnitz den dritten großen Wandel der Stadtgeschichte. Auch der Stadtname selbst blieb davon nicht verschont: 1953 entschied sich die SED-Spitze zur Umbenennung in Karl-Marx-Stadt. Als sozialistische Musterstadt verpasste man dem Stadtzentrum unter anderem breite Paradestraßen, das Karl-Marx-Monument und die charakteristischen Plattenbauten.

Mit der Wende kehrte die Stadt im Juni 1990 zurück zum Namen Chemnitz. Die Wende brachte aber auch eine ganze Reihe an wirtschaftlichen Herausforderungen. Die Stadt hatte mit der blitzartigen Umstellung von Sozialismus auf den Kapitalismus zu kämpfen, die Industrie verlor an Bedeutung und die Bevölkerung wanderte nach und nach in den Westen.

Die Industrie passt sich an

All diese Veränderungen beschäftigen die Stadt bis heute. Die Ausstellung „Tales of Transformation“ zeigt aber auch, wie sich die historischen Industrieanlagen und die Stadt an moderne Herausforderungen anpassen. Auf dem Gelände der traditionsreichen „schönherr.fabrik“ baute man früher Webstühle und Textilmaschinen, heute werden dort Kunstskipisten hergestellt, erzählt Waske. Die Stadt habe auch das Know-How, um auch diese Transformation zu bewältigen, ist sich Waske sicher. Wenn von Chemnitz als Stadt im Wandel gesprochen wird, ist das keine austauschbare Parole, sondern eine historisch begründete Wahrheit.