Hinter Nadiem Amiri liegen ereignisreiche 18 Monate. Bei Mainz 05 blüht der Mittelfeldspieler regelrecht auf. Nach einer enttäuschenden Zeit in Leverkusen ist Amiri in Mainz am Höhepunkt seiner bisherigen Karriere angekommen. Von Hendrik Gag.
Für Fußball-Fans gibt es wenig Aufregenderes als die Ankunft eines Neuzugangs. Ist der Neue das fehlende Puzzlestück zur Meisterschaft? Sind die in die Ferne gerückten Saisonziele durch diesen Transfer doch noch zu erreichen?
All diese Hoffnungen projizieren die Anhänger in die Verpflichtungen ihres Vereins. Von Anfang an müssen sich die Profis an den hohen Erwartungen messen lassen. Hin und wieder kommt es vor, dass die Neuzugänge diese Erwartungen sogar übertreffen, sodass man sagen kann: Dieser Transfer hat die Vereinsgeschichte zum Positiven verändert. So geschehen bei Nadiem Amiri und Mainz 05. Aber von vorne:
Bei Bayer Leverkusen nur noch Bankdrücker
Amiri wechselt am Deadline Day im Januar 2024 vom ungeschlagenen Tabellenführer Bayer Leverkusen zu den Mainzern. Bei der Werkself war er in dieser Saison nur Ergänzungsspieler, noch am vergangenen Wochenende hatte er jedoch zum ersten Mal in der Bundesliga-Startelf der Mannschaft von Xabi Alonso gestanden.
Die Chance, in Leverkusen wieder wichtiger im Kampf um das Triple aus Meisterschaft, Pokal und Europa League zu werden, will der Mittelfeldspieler dennoch nicht ergreifen. Stattdessen geht es nach Mainz.
Bei seiner Ankunft in Rheinhessen muss sich der fünffache deutsche Nationalspieler wie in einer anderen Welt gefühlt haben. Statt Titelträumen geht bei den Nullfünfern die Abstiegsangst um.
Von den bisherigen 18 Saisonspielen konnte die Mannschaft gerade einmal eins gewinnen. Die Mainzer müssen von Glück sprechen, dass der Aufsteiger aus Darmstadt noch größere Probleme hat und man so nicht das Schlusslicht der Tabelle bildet.
Trainerwechsel nach drei Spielen
Amiri macht dennoch gute Miene zum bösen Spiel. „Ich bin überzeugt davon, dass der aktuelle Tabellenplatz die Qualität dieser Mannschaft überhaupt nicht widerspiegelt“, lässt er bei seiner Vorstellung verlauten.
Wie schwer die Mission Klassenerhalt werden wird, dürfte ihm jedoch spätestens nach seinen ersten drei Spielen im rot-weißen Trikot bewusst sein. In denen holt der FSV einen mageren Punkt. Die Folge: Trainer Jan Siewert muss gehen.
Bo Henriksen bringt den Aufschwung
Sein Nachfolger wird Bo Henriksen. Unter dem Dänen sieht die Mainzer Welt auf einmal ganz anders aus: Von den verbleibenden 13 Saisonspielen verlieren die Nullfünfer nur zwei, lediglich der spätere Meister Bayer Leverkusen und der FC Bayern können die Rheinhessen bezwingen. Am letzten Spieltag machen die Mainzer mit einem 3:1-Auswärtssieg in Wolfsburg den Klassenerhalt perfekt.
„Nadiems Verpflichtung im Winter hat unserer Mannschaft genau das gegeben, was wir uns damals erhofft haben. Er hat einen großen Anteil am erfolgreichen Ausgang dieser Saison“,
Christian Heidel
Schnell entwickelt sich Amiri in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt zum Schlüsselspieler. Noch in der Hinrunde zeigen die Nullfünfer oft ansprechende Leistungen, können jedoch den betriebenen Aufwand nicht in Torgefahr ummünzen und lassen so Punkte liegen.
Mit Amiri verfügt die Mannschaft in der Rückrunde über eine spielerische Klasse, die ihr zuvor noch merklich abging. „Nadiem Amiri ist unglaublich, wenn man sieht, wie er die Konter antreibt, das ist eine Wahnsinnsqualität“, schwärmt FSV-Sportdirektor Martin Schmidt im April nach einer 4:1-Gala gegen den späteren Europapokal-Teilnehmer aus Hoffenheim.
Fußballfeste im Mainzer Baumarkt
Im Sommer ruft Amiris hervorragende Halbserie Deutschlands Spitzenteams auf den Plan. Vize-Meister VfB Stuttgart und der Sechste der Vorsaison, Eintracht Frankfurt, bemühen sich dem Vernehmen nach um eine Verpflichtung des Mittelfeldspielers – besonders zur SGE soll der Draht sehr heiß gewesen sein.
Es ist ein Szenario, das den Mainzer Fans bestens bekannt ist: Zeigt einer ihrer Spieler außergewöhnliche Leistungen, ist er schnell weg. Mit Brajan Gruda und Leandro Barreiro verabschieden sich in der gleichen Transferperiode zwei Leistungsträger von ihrem Jugendverein.
Amiri geht einen anderen Weg: Drei Tage nach dem letzten Spieltag verkündet Mainz 05 die Vertragsverlängerung mit seinem Spielmacher – dem Interesse aus Frankfurt und Stuttgart zu Trotz. Amiri fühlt sich bei den Rheinhessen zu wohl, um nach einem halben Jahr wieder zu gehen.
„Dieses Team und diese Stadt sind einzigartig, und ich kann es schon jetzt kaum erwarten, nächstes Jahr in der Mewa Arena wieder zusammen mit unseren Fans Fußballfeste in der Bundesliga zu feiern“, verkündet der gebürtige Ludwigshafener im Zuge der Vertragsverlängerung.
Bemerkenswerte Worte, gilt der FSV doch als Graue Maus der Bundesliga. Das Image als Stimmungshochburg aus Bruchweg-Tagen hat Mainz längst verloren. Die oftmals wegen ihres einfallslosen Designs als Baumarkt verschriene neue Arena ist nur noch selten ausverkauft. Schwärmende Worte von Spielern über Stimmung und Fans wirken meist wie Lippenbekenntnisse. Doch diesmal fühlt es sich anders an.
Saison der Rekorde
6.000 frenetische Fans begleiten den FSV zur Mission Klassenerhalt ins rund 400 km entfernte Wolfsburg. Im Sommer verkauft der Verein rund 3.000 Dauerkarten mehr als noch in der Vorsaison. Die schläfrige Fußball-Stadt Mainz wirkt wie wach geküsst. Und auch auf dem Platz sind die Nullfünfer im Vergleich zum Jahresbeginn 2024 nicht mehr wiederzuerkennen.
Mit Platz sechs können sich die Nullfünfer am Saisonende erstmals seit neun Jahren für einen europäischen Wettbewerb qualifizieren. Der FC Bayern, Borussia Dortmund, RB Leipzig und Eintracht Frankfurt müssen sich dem FSV geschlagen im Verlauf der Saison geschlagen geben.
Und Amiri selbst? Der setzt seine beeindruckende Form fort und ist wichtig wie eh und je und spielt die beste Saison seiner Karriere. An zwölf Saisontoren ist Amiri beteiligt – so viele Scorerpunkte konnte der Mittelfeldspieler zuvor noch nie in einer Saison sammeln. Im März wird er sogar erstmals seit mehr als vier Jahren für das DFB-Team berufen. Nationalmannschaftsspieler statt Dauerreservist. Europa-Anwärter statt Abstiegsfavorit. Was sich nicht alles ändern kann, innerhalb von einem Jahr.
